Von-Willebrand-Erkrankung Typ 1 (vWD Typ 1)


Einordnung

Die Von-Willebrand-Erkrankung Typ 1 (vWD Typ 1), auch als Pseudohämophilie Typ I oder vaskuläre Hämophilie bezeichnet, ist eine genetisch bedingte Störung der Blutgerinnung.

Sie beruht auf einer verminderten Konzentration oder Funktion des Von-Willebrand-Faktors im Blut, der für die Bildung eines stabilen primären Blutgerinnsels erforderlich ist (1)(2).

Die klinische Ausprägung ist variabel. Während ein Teil der betroffenen Hunde zu vermehrten Blutungen neigt, bleiben andere Tiere – insbesondere genetische Träger – klinisch unauffällig (3)(4).

Die genetische Anlage erlaubt daher keine zuverlässige individuelle Vorhersage des Krankheitsverlaufs.


Genetische Grundlagen

Die Von-Willebrand-Erkrankung Typ 1 wird autosomal rezessiv vererbt.

Ursächlich ist eine Mutation im VWF-Gen (z. B. c.7437G>A im Exon 43), die zu einer reduzierten Menge funktionellen Von-Willebrand-Faktors im Plasma führt (2).

Die Einteilung erfolgt genetisch in:

  • N/N (frei) → kein Risiko, keine Weitergabe
  • N/n (Träger) → in der Regel klinisch unauffällig
  • n/n (betroffen) → mögliches Auftreten klinischer Symptome

Entscheidend ist, dass heterozygote Träger (N/n) typischerweise keine klinischen Symptome zeigen (3)(4).


Klinische Bedeutung

Die klinische Ausprägung der Erkrankung ist variabel und nicht allein durch den Genotyp erklärbar (3)(4).

Mögliche Symptome umfassen:

  • verlängerte Blutungszeit nach Verletzungen
  • Neigung zu Haut- und Schleimhautblutungen
  • Hämatome oder Gelenkergüsse ohne adäquates Trauma

In schweren Fällen kann es zu relevantem Blutverlust kommen, insbesondere im Zusammenhang mit Operationen oder größeren Verletzungen.

Gleichzeitig ist zu berücksichtigen, dass ein erheblicher Teil genetisch disponierter Hunde im Alltag klinisch unauffällig bleibt (3).


Verbreitung in Hunderassen

Die Erkrankung wurde bei zahlreichen Hunderassen beschrieben, darunter:

  • Dobermann
  • Scottish Terrier
  • Shetland Sheepdog

Darüber hinaus ist die Mutation in weiteren Rassen nachgewiesen, teilweise mit unterschiedlicher Prävalenz (2).


Diagnostik

Die Diagnostik erfolgt entweder durch:

  • Bestimmung des Von-Willebrand-Faktors im Plasma
  • genetische Tests zum Nachweis der Mutation im VWF-Gen

Zu beachten ist, dass der Plasmaspiegel des Faktors Schwankungen unterliegt und nicht immer zuverlässig mit dem klinischen Risiko korreliert (4).


Bedeutung für die Zucht

Die züchterische Bewertung der Von-Willebrand-Erkrankung Typ 1 erfordert eine differenzierte Betrachtung.

Da es sich um eine autosomal rezessive Erkrankung handelt, ist eine kontrollierte Zuchtstrategie möglich:

  • Verpaarung von Trägern mit freien Tieren → keine erkrankten Nachkommen
  • Vermeidung von Träger × Träger-Verpaarungen

Ein vollständiger Ausschluss von Trägern (N/n) aus der Zucht kann zu einer Verengung des Genpools führen und andere gesundheitliche Risiken verstärken (5).

Daher wird in der populationsgenetisch orientierten Zucht empfohlen, Trägertiere kontrolliert einzusetzen.


Bewertung aktueller Zucht- und Ausstellungsvorgaben

In einzelnen Regelwerken werden für bestimmte Rassen Auflagen formuliert, die unter anderem verpflichtende Gentests oder Einschränkungen der Ausstellungsteilnahme vorsehen.

Diese Maßnahmen sind differenziert zu betrachten.

Insbesondere ist zu berücksichtigen:

  • Heterozygote Tiere (N/n) sind klinisch gesund (3)(4)
  • Der Genotyp erlaubt keine sichere Vorhersage des klinischen Verlaufs (3)(4)
  • Die Erkrankung ist durch gezielte Zuchtmaßnahmen kontrollierbar (5)

Eine selektive Anwendung solcher Maßnahmen auf einzelne Rassen bei gleichzeitig breiter Verbreitung der Mutation ist wissenschaftlich nicht konsistent.


Rechtliche Bewertung

Nach §11b Tierschutzgesetz ist ein Eingriff in die Zucht nur dann gerechtfertigt, wenn mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen ist, dass Nachkommen Schmerzen, Leiden oder Schäden erleiden werden.

Bei der Von-Willebrand-Erkrankung Typ 1 ist zu differenzieren:

  • Trägertiere (N/n) sind klinisch gesund (3)(4)
  • Erkrankungen treten nur unter bestimmten genetischen Konstellationen auf
  • Die Erkrankung ist durch geeignete Zuchtplanung vermeidbar (5)

Vor diesem Hintergrund ist eine pauschale Einschränkung von klinisch unauffälligen Tieren allein auf Basis genetischer Testergebnisse kritisch zu bewerten.

Eine Einzelfallbewertung unter Berücksichtigung von Genotyp, klinischem Befund und Zuchtstrategie ist erforderlich.


Zusammenfassung

Die Von-Willebrand-Erkrankung Typ 1 ist eine genetisch bedingte Gerinnungsstörung mit variabler klinischer Ausprägung.

Während homozygot betroffene Tiere Symptome entwickeln können, bleiben Trägertiere in der Regel klinisch unauffällig (3)(4).

Die Erkrankung ist durch gezielte Zuchtstrategien kontrollierbar, ohne die genetische Vielfalt unnötig einzuschränken (5).

Eine isolierte Bewertung genetischer Marker ohne Berücksichtigung klinischer und populationsgenetischer Zusammenhänge ist daher nicht ausreichend.


Literatur

(1) Brooks, M. B. et al. – Pathophysiologie der von-Willebrand-Erkrankung
(2) Venta, P. J. et al. (2000) – VWF-Mutation beim Dobermann
(3) Dodds, W. J. – Klinische Variabilität der vWD
(4) Stokol, T. et al. – Zusammenhang VWF-Spiegel und Blutungsrisiko
(5) Irene Sommerfeld-Stur (2024) – Populationsgenetik und Zuchtstrategien